Mittwoch, 06 Rabi' al-awwal 1440 | 14/11/2018
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بسم الله الرحمن الرحيم

 Die wahren internationalen und regionalen Positionen bezüglich der Schlacht um Idlib

Frage:

Das syrische Regime hat südlich der Provinz Idlib seine Truppen zusammengezogen. Russland kündigte an, für die „letzte großen Schlacht“ (!) in Syrien bereit zu sein und hielt im östlichen Mittelmeer Militärübungen ab, die es in dieser Größenordnung in der modernen Geschichte Russlands noch nicht gegeben hat. Viele erwarteten nach dem Dreiergipfel, der zwischen Russland, Iran und der Türkei am 07.09.2018 stattgefunden hat, den Beginn der Großoffensive. Allerdings zeigte der türkische Präsident Erdogan seine Ablehnung gegenüber einer Militäroffensive auf Idlib. Statt eines Großangriffs auf Idlib einigten sich dann Erdogan und Putin am 17.09.2018 auf ein Abkommen, das die Einrichtung einer demilitarisierten Zone vorsieht. Was mag der Grund dieser Umkehr sein? Ferner drohten die USA, sollte es zum Einsatz chemischer Waffen kommen, mit einem starken Vergeltungsschlag. Einige europäische Staaten schlugen ähnliche Töne an. Wie sehen die wahren internationalen und regionalen Positionen hinsichtlich einer Schlacht um Idlib aus?

Antwort:

Um die internationalen Positionen in Bezug auf Idlib zu verstehen, muss ein Blick auf folgende Fakten geworfen werden:

1. Zunächst halten wir fest, dass die USA es mit der nach außen demonstrierten Unterstützung der Opposition nicht ehrlich meinen. Denn sie stecken sowohl hinter dem türkischen als auch hinter dem saudischen Regime, um mit der Politik von Zuckerbrot und Peitsche die syrischen Rebellengruppen zu manipulieren und sie an den Verhandlungstisch mit dem Assad-Regime zu zerren, um über Versöhnung und Waffenstillstand zu sprechen. Sie stecken auch hinter der Abtretung verschiedener Gebiete an das Regime Baschar al-Assads. Die Message der USA an die syrische Opposition im Süden war sogar klar und deutlich: Die Opposition dürfe mit keinerlei amerikanischer Hilfe rechnen, um den Einmarsch syrischer Truppen aufzuhalten. Zur Idlib-Frage erklärte die amerikanische Uno-Botschafterin Nikki Haley auf einer Pressekonferenz unter Verweis auf die syrische Regierung und deren Verbündete Russland und den Iran: Das ist eine tragische Situation. Wenn sie den Weg fortsetzen wollen, die Kontrolle über Syrien zu erlangen, so sind sie imstande, das zu tun. (…) Doch das werden sie nicht mit chemischen Waffen tun können. (Reuters, 04.09.2018) Der erklärte Einspruch der USA richtete sich demnach gegen den Einsatz chemischer Waffen, und nicht dagegen, dass die Kontrolle Syriens in die Hände des Regimes fällt. Ähnlich zu verstehen ist auch die Forderung des Vorsitzenden des Vereinigten Generalstabschefs der US-Streitkräfte, General Joseph Danford, dass zwischen Türken, Syrern und Russen mehr Gespräche stattfinden sollten, da es eine effektivere Weise für die Durchführung von Anti-Terroroperationen gibt als eine gewöhnliche große Militäroperation. Er erklärte: Ich schlage die Durchführung von Anti-Terroroperationen vor, die die Verluste unter der Zivilbevölkerung auf ein Minimum hält. (Reuters, 04.09.2018) Das Thema chemische Waffen wird, wann immer die USA es für angebracht halten, auf den Tisch gebracht. Und vom Regime verlangen sie, es dementsprechend umzusetzen, um damit bloß eine Rechtfertigung für die Durchsetzung ihrer eigenen Politik zu erhalten. Das Regime ist sich der Rückendeckung Amerikas in hohem Maße sicher. Denn ohne diese hätten weder der Iran noch Russland nach Syrien kommen dürfen. Und es hätten auch weder die Türkei noch Saudi-Arabien die bewaffneten Rebelleneinheiten unter Druck setzen können, damit diese die Waffenstillstandsabkommen unterzeichnen und sich aus den verschiedenen Regionen zurückziehen, um sie so dem syrischen Regime zu überlassen. Ohne die amerikanische Unterstützung wäre auch das Regime des Tyrannen Baschar al-Assad nicht wieder in die internationale Gemeinschaft aufgenommen worden. Die Genf-Verhandlungen haben einen Beitrag dazu geleistet, dass das Regime, das seine Legitimität in den ersten Jahren der Revolution verloren hatte, rehabilitiert wurde.

2. Die USA ließen zur Unterstützung des syrischen Regimes eine Militärintervention Russlands in Syrien zu. Diese Mission hat Russland zusammen mit dem Iran und einigen Milizen erfüllt. Denn inzwischen wird ein Großteil des syrischen Territoriums wieder vom Regime kontrolliert. Zu den wichtigsten noch verbliebenen Gebieten gehört Idlib. Was die Russen betrifft, so hat sich die Syrienintervention für sie zu einem Sumpf entwickelt, der ihnen zu schaffen macht. Deshalb sind sie gewillt, Idlib zu stürmen, um sich aus der Zwickmühle, in der sie sich befinden, zu befreien, und sich anschließend den politischen Handlungen widmen zu können. Die USA dagegen sind entschlossen, die politische Lösung vorab zu regeln, noch bevor das Thema Idlib abgeschlossen ist. Sie wollen nämlich Idlib dazu nutzen, Russland zu erpressen, indem sich die militärische Zwickmühle Russlands in Syrien entweder verkürzt oder verlängert - je nach dem, ob es der amerikanischen Syrien-Lösung zustimmt oder nicht. Zu der Lösung würde das Ende der russischen Militärstützpunkte gehören, was als Bedingung aus einer von Amerika ausgearbeiteten politischen Lösung hervorgehen würde, indem es die Opposition darauf beharren lassen wird, die Militärbasen als Bedingung für eine Lösung zu schließen. Mit anderen Worten: Russland müsste sich als Ausbeute (von seinem Syrienabenteuer) mit der Heimreise begnügen. Hinter den Einwänden der Türkei gegen die vorbereitete russische Militäraktion zur Stürmung Idlibs steckten also amerikanische Motive.

3. Russland setzte seine militärische Mission in Syrien fort, ohne dort irgendeine Aussicht auf eine politische Mission nach der Amtsübernahme Trumps zu haben. In umfangreicher Kooperation mit der Türkei - was bedeutet, dass die USA dazu ihre Zustimmung gegeben haben - nahmen die Russen Ghouta ein und im gleichen Kontext auch den Süden. Gleichzeitig lehnten es die Amerikaner ab, mit Russland über die Syrien-Frage zu verhandeln, was signalisiert, dass die Trump-Regierung keine politische Rolle für Russland vorgesehen hat, zumindest nicht, solange die militärische Mission nicht vollends erfüllt wurde. Nachdem man es aber geschafft hatte, die bewaffnete syrische Revolution auf Idlib zu reduzieren und dort einzuzwängen und Russland gewillt war, sein militärisches Vorgehen fortzusetzen - so mobilisierte es seine Truppen, drohte, führte im Mittelmeer mit großen Kriegsschiffen und strategischen Bombern Militärmanöver durch und sperrte den Luftraum im östlichen Mittelmeer (das erste Mal in der Geschichte Russlands) -, fand sich Russland plötzlich in einem großen Dilemma wieder, da Dinge eingetreten waren, die Russland nicht auf seiner Rechnung hatte. Dazu gehören:

a) Der Einwand der Türkei gegen eine breit angelegte Offensive auf Idlib. So stemmte sich die Türkei gegen einen Großangriff: Der türkische Minister war der Ansicht, dass die „Terroristen“ identifiziert und dann bekämpft werden sollten und dass ein großangelegter Krieg gegen Idlib und eine willkürliche Bombardierung nicht richtig seien. (Enab Baladi, 14.08.2018). Der Widerstand der Türkei gegen einen Krieg trat besonders deutlich während der Teheran-Konferenz zwischen den drei Präsidenten Russlands, Irans und der Türkei zutage. Die Türkei brachte dabei – und das auf eine Weise, die die Russen überraschte - ihre Befürchtungen hinsichtlich einer kriegerischen Offensive auf Idlib zum Ausdruck sowie einer Flüchtlingswelle, von der die Türkei dann betroffen wäre. Auch brachte die Türkei Russland mit dem Argument in Verlegenheit, dass die Militäroffensive ein Instrument sei, um die politische Lösung in Syrien zu zerstören: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte am heutigen Freitag, dass eine Fortsetzung der Angriffe auf die Rebellenprovinz Idlib zu einem Kollaps des politischen Prozesses in Syrien führen würde. (Al-Yaum al-Sabi´, 07.09.2018) Und mit Verschärfung des Tons der USA gegen die russischen Kriegsabsichten in Idlib, begann die Türkei damit, ihre dortigen Beobachtungsposten stärker aufzurüsten. Bei diesen handelt es sich um Kontrollstationen, auf die man sich mit Russland und dem Iran im Rahmen des Abkommens zur Einrichtung von Deeskalationszonen geeinigt hatte. Berichten von Sky News Arabiya zufolge, die sich auf lokale Quellen und Zeugen berufen, habe sich eine türkische Militärkolonne in Bewegung gesetzt. Sie sei in Richtung Idlib unterwegs, das sich in Grenznähe zur Türkei befindet und von syrischen Oppositionskräften und weiteren Einheiten gehalten wird. Die Quellen gaben an, der türkische Militärkonvoi bestehe aus Panzern, Militärgerät und Munition und sei über das Dorf Kafr Lusin in syrisches Gebiet eingefahren. Er sei im nördlichen Syrien Richtung Idlib und der umliegenden Provinz unterwegs. (Sky News Arabi, 09.09.2018) Die Türkei hat damit russische Ambitionen durchkreuzt, die bewaffneten Rebellengruppen in Idlib zu zerschlagen. Daher wurde ein zweiter, diesmal russisch-türkischer Gipfel für den 16.09.2018 in Sotschi anberaumt, lediglich neun Tage nach dem Zusammentreffen in Teheran.

b) Indizien für eine Kehrtwende in der iranischen Position: Was den Iran betrifft, so machte sich auf dem Teheraner Gipfel vom 07.09.2018 etwas bis dahin Ungewohntes am Iran bemerkbar: die Differenzierung zwischen bewaffneten gemäßigten und anderen, „terroristischen“ Einheiten in Idlib. Es wirkte geradezu so, als hätte sich der Iran dem Standpunkt Erdogans angenähert, der gegen eine Offensive war, also im Widerspruch zur russischen Position. Der Standpunkt des Iran wurde dann deutlicher. In Gesprächen mit der Presse machte Irans Außenminister Mohammad Dschawad Zarif am heutigen Samstag klar, dass sein Land davon überzeugt sei, dass das Syrien-Problem politisch und nicht militärisch zu lösen sei. In einem Interview mit dem Magazin „Der Spiegel“ sagte er: Der Iran versucht, Idlib vor einem Blutbad zu verschonen, womit er signalisiert, dass sein Land gegen eine Militäroffensive in der Region ist. (Die türkische Zeitung Zaman, 15.09.2018). Sollte sich dieser iranische Standpunkt bewahrheiten, würde sich Russland - sollte es auf eine Fortsetzung bestehen - alleine in einem Krieg gegen Idlib wiederfinden. Zu einem solchen Unterfangen wäre Russland jedoch nicht imstande.

c) Doch brisanter als alles andere, ist die Position der USA, die es eilig hatten, vorab die Trommeln für einen militärischen Vergeltungsschlag zu rühren, sollte Idlib mit Giftgas angegriffen werden. Die Russen wissen, dass der Einsatz von Chemiewaffen in Händen der Amerikaner liegt und dass sie mittels des Assad-Regimes darüber entscheiden. Daher beeilte sich Russland, die bewaffneten Oppositionskräfte zu verdächtigen, einen Giftgasangriff gegen sich selbst vorzubereiten, um damit einen amerikanischen Vergeltungsschlag zu rechtfertigen. Sogar den Briten wurde vorgeworfen, Teil des sogenannten „Giftgas-Komplotts“ zu sein. Militärschläge der USA auf Syrien bringen Russland generell in große Verlegenheit. Diesmal wäre jedoch ein US-Angriff fataler und folgenschwerer. John Bolton, der sich zum Ende einer politischen Rede einigen Fragen stellte, betonte: „Wir haben in den vergangenen Tagen versucht, die Botschaft zu übermitteln, dass es bei einem dritten Chemiewaffen-Einsatz eine viel härtere Antwort geben wird.“ „Ich kann sagen, dass wir uns mit den Briten und Franzosen, die sich uns beim zweiten Vergeltungsschlag angeschlossen hatten, beraten haben. Sie waren sich mit uns darüber einig, dass ein weiterer Einsatz von Giftgaswaffen zu einem viel stärkeren Vergeltungsschlag führen würde“, machte Bolton weiter deutlich. (Arabi 21, 10.09.2018) So befürchtet Russland nicht nur einen westlich-amerikanischen Schlag, der es in Verlegenheit bringen könnte, sondern auch, dass seine dort stationierten Streitkräfte getroffen werden könnten.

d) Der am 04.09.2018 vom Zionistenstaat ausgeführte Militärschlag auf Wadi al-Uyun nahe Masiaf (westlich von Hama) und Banias (in der Provinz Tartus). All das geschah in der Nähe russischer Militärstützpunkte (ca. 50 Kilometer von der Luftwaffenbasis Hamaimim entfernt) und im Luftraum der russischen Basis von Tartus sowie inmitten des russischen Großmanövers im Mittelmeer, das vom 01. bis 08.09.2018 unter Beteiligung großer Flottenverbände mit dutzenden Militärschiffen und der Luftwaffe, stattfand. Diese Manöver im Mittelmeer seien, so propagierte es Russland, die größten ihrer Art in der moderneren Geschichte. Daher kam dieser Schlag des Zionistenstaates einer zuvor nie dagewesenen Provokation gegen Russland gleich. Nach Angaben der regierungstreuen syrischen Nachrichtenagentur „Sana“ habe Assads Luftabwehr zahlreiche Raketen abgewehrt, die von „israelischen“ Flugzeugen auf die Region Wadi al-Uyun in der Provinz von Hama abgefeuert worden seien. Laut der Nachrichtenagentur hätten die Luftabwehrsysteme Angriffe „israelischer“ Kampfjets abgewehrt, die westlich von Beirut in niedriger Höhe eingedrungen seien und in nördliche Richtung unterwegs waren. Ziel seien militärische Stellungen in den Provinzen Tartus und Hama gewesen. Man habe auf die Raketenangriffe reagiert und einige davon zum Absturz gebracht und die angreifenden Jets zur Flucht gezwungen. (Al-Arabiya Net, 04.09.2018) Die Ausführung eines solchen Militärschlags ganz in der Nähe russischer Stützpunkte würde der Zionistenstaat niemals wagen, wäre es nicht mit den Amerikanern koordiniert gewesen. Und wahrscheinlich trug dieser Angriff auch die ein oder andere Botschaft mit sich. Etwa die, dass sich die US-Technologie nicht von einem russischen Flugabwehrsystem (S 500) aufhalten lässt. Russland müsste dann mit der permanenten Furcht leben, dass auch russische Stützpunkte oder Flugzeuge westlichen Schlägen in Syrien ausgesetzt sein können.

e) Und genau das ist geschehen. Ein russisches Flugzeug wurde in der Provinz Idlib abgeschossen, was Russland in echte Bedrängnis brachte. Igor Konaschenkow, offizieller Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, erklärte, die „israelischen“ Piloten hätten die russische Maschine als Cover benutzt und sie somit dem Feuer der syrischen Abwehr ausgesetzt, was den Absturz verursacht hätte. Weiter fügte er hinzu: Es kann nicht sein, dass das ‚israelische‘ Flugkontrollsystem und die F-16-Piloten das russische Flugzeug übersehen haben. Die Maschine war dabei, auf eine Flughöhe von 5 Kilometer abzusinken. Nichtsdestotrotz führten sie diese Provokation absichtlich aus. Die Maschine des Typs „Il-20“ kam zum Absturz und riss fünfzehn Soldaten in den Tod, als sie auf dem Rückflug in die Luftwaffenbasis Hamaimim nahe der Küstenstadt Latakia war, welche gerade (am Abend des Montag) „feindlichen Raketenangriffen“ ausgesetzt war. Der russische Sprecher hob deutlich hervor, dass „Israel“ die russische Truppenführung in Syrien nicht vorgewarnt hätte und dass die Benachrichtigung über die bevorstehende Operation nicht mal eine Minute vor dem Angriff mittels des „heißen Drahtes“ ergangen sei. Ein Umstand, der uns nicht mehr erlaubte, die russische Maschine in sicheres Gebiet zu bringen, erklärte er weiter. (Sky News Arabiya, 18.09.2018) Des Weiteren erklärte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums Igor Konaschenkow am 18.09.2018, ‚Israel‘ habe die russischen Streitkräfte in Syrien nicht vor den Operationen nahe Latakia gewarnt. Konaschenkow betonte: „‘Israel’ hat die Führung der russischen Truppenverbände in Syrien nicht über die geplante Operation informiert. Die Benachrichtigung darüber kam über den ‚heißen Draht‘, nicht mal eine Minute vor Ausführung des Schlages, was es nicht mehr möglich machte, das russische Flugzeug in sicheres Gebiet abzuziehen.“ Der Sprecher verwies darauf, dass es dem ‚israelischen‘ Kampfjet gelungen sei, die russische Maschine als Cover zu nutzen, sodass diese von einem Angriff aus der syrischen Luftabwehr getroffen wurde. Er fügte hinzu, dass die ‚israelischen‘ Jets es darauf angelegt hätten, eine derart gefährliche Situation in der Region Latakia zu schaffen und verwies darauf, dass vier F-16-Jets, die den ‚israelischen‘ Luftstreitkräften angehören, am 17.09. Ziele in der Nähe von Latakia angegriffen hätten. Die Luftschläge seien aus niedriger Höhe ergangen. Konaschenkow erklärte weiter, dass die verantwortungslosen Maßnahmen fünfzehn russischen Soldaten das Leben gekostet hätten. Und das würde nicht mit dem Geist der russisch-‚israelischen‘ Partnerschaft in Einklang stehen. (Sputnik Arabi News, 18.09.2018)

All diese Umstände haben Russland unfähig gemacht, die Entscheidung in Idlib militärisch herbeizuführen, um sich aus seiner Zwickmühle zu befreien. Russland ist auch außerstande, die von Amerika initiierten Provokationen des Zionistenstaates auszuhalten.

4. Die USA wollen, dass Russland in Syrien gefangen bleibt, außerstande von dort herauszukommen, solange die USA nicht ihre eigene selbstgeschmiedete politische Lösung durchgesetzt haben. John Bolton, Sicherheitsberater der USA, betonte am Mittwoch in einem Sondergespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters, Russland sei in Syrien festgefahren und auch auf der Suche nach jemandem, der es finanziell unterstützt, um nach dem Krieg den Wiederaufbau zu ermöglichen. Er verwies darauf, dass dies Washington bei den Verhandlungen mit Moskau einige Mittel in die Hand lege. „Washington hat nun eine stärkere Position bei den Verhandlungen mit Moskau“, so Bolton, denn „gegenwärtig steckt Russland in Syrien fest.“ Weiter sagte er: „Und ich glaube nicht, dass sie dort bleiben wollen.“ (Sputnik News Arabi, 22.08.2018)

Diese US-Politik ist den Russen mittlerweile bewusst geworden. Und möglicherweise haben sie erkannt, dass Amerika sie in diese Lage gebracht hat. In der Tat hat sich Russland in Syrien festgefahren und kommt ohne Amerikas Erlaubnis von dort nicht raus. Amerika hat alle Möglichkeiten der Einflussnahme in Syrien in der Hand. Daher war es den Russen nicht möglich, die Offensive, die sie zur Beendigung der Idlib-Krise auf ihre eigene Weise vorbereitet hatten, zu vollenden. Denn die Türkei war, auf Veranlassung der USA, dagegen. Und der Iran - schwieg. Und so scheiterte der Iran-Gipfel vom 07.09.2018, der den Russland-Plänen zum Durchbruch verhelfen sollte, nämlich Idlib zu stürmen und die Krise nach russischer Art zu beenden. Nur wenige Tage später kam es zum Putin-Erdogan-Gipfel und anstelle der Offensive sollten nun demilitarisierte Zonen eingerichtet werden. Amerikas Segen hatten sie. Die russische Nachrichtenagentur Novosti zitierte am 18.09.2018 einen Verantwortlichen aus dem US-Außenministerium: Wir begrüßen es und ermutigen Russland und die Türkei dazu, praktische Schritte zu ergreifen, um eine militärische Offensive der Regierung Assads und seiner Verbündeten auf die Provinz Idlib zu verhindern (…). Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am heutigen Montag die Einigung mit seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan verkündet, bis zum 15. Oktober eine „entmilitarisierte Zone“ in der nord-westlichen Region der Provinz Idlib einzurichten. Diese Zone soll unter die Aufsicht beider Länder kommen. Zum Abschluss des Treffens im russischen Badeort Sotschi verkündete Putin: Wir haben beschlossen, auf einer Breite von 15 bis 20 Kilometern eine waffenfreie Zone zu schaffen, beginnend mit dem 15. Oktober diesen Jahres. Putin bezeichnete dieses Abkommen als „ernstzunehmende Lösung“, welche „einen Fortschritt bei der Lösung des Problems“ darstelle. Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu teilte russischen Nachrichtenagenturen mit, dass durch diese Einigung, die seit Tagen erwartete Großoffensive auf die letzte Rebellenhochburg in Syrien abgewendet worden sei. Die Frage, ob diese Vereinbarung bedeute, dass keine Militäroffensive auf Idlib stattfinden werde, beantwortete der Minister laut „Interfax“ und „Tass“ mit „Ja.“ Parallel erklärte auch Erdogan im Anschluss an den bilateralen Gipfel auf der Pressekonferenz: Russland wird die notwendigen Schritte einleiten, die garantieren, dass kein Sturm auf das Gebiet der entmilitarisierten Zone in Idlib stattfindet. (France 24, 17.09.2018)

Damit stoppten die Russen ihre Luftangriffe auf Idlib. Auch ihre Schiffe, die sich zu Militärübungen im Mittelmeer befanden, wurden abgezogen. Doch noch immer beschwört Russland (direkt oder indirekt über die Türkei) die Amerikaner, die Entscheidung über Idlib militärisch herbeiführen zu dürfen, bevor es an die politische Lösung geht. Die USA jedoch drängen ihrerseits auf eine politische Lösung noch vor irgendeiner militärischen Entscheidung in Idlib. Denn dann hätten sie ein Pfand in der Hand, um Russland wegen seiner Militärbasen in Syrien zu erpressen. Dafür würde man die Oppositionskräfte veranlassen, im Falle einer politischen Lösung das Thema Militärstützpunkte auf den Tisch zu bringen. Mit anderen Worten: Die türkischen Bemühungen und damit die der USA zur Verhinderung der russischen Offensive auf Idlib, dienen in erster Linie den Interessen der USA. Der Türkei ging es nicht darum, das Regime am Vormarsch nach Idlib zu hindern oder die Zivilbevölkerung zu schützen. Vielmehr wird der Türkei und den USA, sobald die gewünschte amerikanische Lösung in der Realität umgesetzt wurde und die Russen sich dieser Lösung gefügt haben, das Blut in Idlib ziemlich egal sein, sei es das Blut der Zivilisten oder Nicht-Zivilisten, in militarisierten oder entmilitarisierten Zonen. Die verschiedenen Regionen Syriens legen Zeugnis davon ab, die Verbrechen dieser Mächte eilen ihnen aus allen Gebieten voraus.

5. So sieht die Wahrheit der international und regional einflussreichen Positionen hinsichtlich einer Militäroffensive auf Idlib aus. Dennoch könnte ein Umstand – mit der Erlaubnis Allahs – die internationale und regionale Lage vollkommen auf den Kopf stellen. Der würde darin bestehen, dass die Rebellengruppen in Idlib eine korrekte und positive Rolle einnehmen und diese in Aufrichtigkeit und Loyalität gegenüber Allah (t) aktivieren. So existieren zwei Kategorien von Rebellengruppen:

Erstens: Die Türkei-treuen Kampfverbände. Hierbei handelt sich um jene Gruppierungen, die dem Aufruf, in diversen Gebieten den Rückzug anzutreten und Verrat zu begehen, gefolgt sind. Durch den starken Druck der Türkei haben sich unter ihnen die Ideen von Aussöhnung und Waffenstillstand verbreitet. Zudem wurden die Führer dieser Verbände gekauft, indem sie mit saudischem Geld „ertränkt“ wurden. Es sind jene Verbände, die von der Türkei zu den Astana-Verhandlungen gezerrt wurden, aus denen anschließend die Deeskalationszonen hervorgingen, mit anderen Worten, die Aushändigung der eroberten Gebiete an das Regime. Diese Gruppen sehen sich nun mit der Wahrheit konfrontiert, dass sie nämlich als Werkzeuge benutzt wurden, um die syrische Revolution zu schwächen. Aufgrund von verlogenen Versprechen, die ihnen seitens der Türkei gemacht wurden und deren Falschheit nun zutage getreten ist, sind viele Gebiete verloren gegangen. Doch weil es in den Reihen dieser Gruppen noch aufrichtige Personen gibt, machen sich leise Töne bemerkbar, die hörbar lauter geworden sind, mit dem Tenor, dass die

 Türkei sie hintergangen habe. Auch Erdogan ist das nicht entgangen. Das brachte er auf dem Teheraner Gipfel mit Putin und Rohani zum Ausdruck, als er sagte: Die Opposition fühlt sich durch die Entwicklungen nach der Errichtung der „Deeskalalationszonen“ betrogen. (Aljazeera Net, 07.09.2018). Erdogan räumt also ein, dass den syrischen Rebellengruppen die Augen geöffnet wurden, was Erdogans Täuschungs-Pläne betrifft. Und genau das waren stets die Befürchtungen Erdogans. Denn bis jetzt sind diese Gruppen noch nicht zum Kampf gegen jene Rebelleneinheiten losgezogen, die den türkischen Friedensplan ablehnen. Die Entlarvung des türkischen Betruges könnte dazu genutzt werden, diese Rebellengruppen zu einem erbitterten Kampf zu mobilisieren, sollten sie angegriffen werden.

Zweitens: Die übrigen Gruppen, und das sind überwiegend jene, die von den Medien als „terroristisch“ bezeichnet werden. Ihre Stärke wurde durch die Umsiedlung vieler Rebellen aus den verschiedenen syrischen Regionen, wie Ghouta, dem Süden, Homs und Ost-Aleppo, immer größer. Und noch kontrollieren sie einen nicht unbeträchtlichen Teil der Region. Auch wenn die Angaben über ihre Anzahl und den Grad ihrer Bewaffnung auseinandergehen, so werden sie doch gefürchtet, wie frühere amerikanische Berichte zu Syrien es zusammenfassten. In ihnen heißt es, dass die „extremistischen“ Kräfte innerhalb der syrischen Opposition jene sind, die die großen entscheidenden Schlachten am Boden austragen, auch wenn sie zahlenmäßig nicht die stärksten sind. Das heißt, sie stellen eine solide Kraft dar, die nicht so einfach zu bezwingen ist. Und schließlich gilt Idlib als die letzte Bastion der Rebellen. Deshalb ist dort an sich ein erbitterter Kampf zu erwarten. Denn die Rebellen sind eingeschlossen und alle Wege, um herauszukommen, versperrt. Aus diesen Gründen ist die Schlacht aus militärischer Sicht nicht notwendigerweise zugunsten des Regimes entschieden, trotz der großen militärischen Mobilmachung, die von Russland betrieben wurde. Vielmehr können aufgrund der Länge der Schlacht um Idlib und des Umstands, dass das Regime seine lokalen Kräfte und verbündeten Milizen in dieser Region konzentriert, andere Gebieten, die sich bereits unter Kontrolle des Regimes befinden, wieder herauszubrechen.

Daher müssen die verschiedenen Rebellengruppen sich dem dīn Allahs in Aufrichtigkeit zuwenden. Sie können die Zwickmühle nutzen, in der sich Russland aufgrund des amerikanischen Druckes befindet. Dieser Druck hat nur das Ziel, Russland zu erpressen. Auch müssen sich diese Verbände von der türkischen Hinterlist und dem saudischen Geld loslösen und vor allem die Worte Allahs {كَمْ مِنْ فِئَةٍ قَلِيلَةٍ غَلَبَتْ فِئَةً كَثِيرَةً بِإِذْنِ اللَّهِ}  Wie oft schon hat eine geringe Schar mit Allahs Erlaubnis eine große besiegt!”(2:249) stets in Erinnerung behalten. Sie sollten nicht kapitulieren, nicht aufgeben und die Sache Allahs in Ehrlichkeit und Hingabe unterstützen. Wenn sie all das beherzigen, werden sie mit Allahs Erlaubnis die Pläne der Feinde des Islam und der Muslime vereiteln. Sie werden sie von Idlib fernhalten und sie in Hoffnungslosigkeit zurücklassen.

{وَلَيَنْصُرَنَّ اللَّهُ مَنْ يَنْصُرُهُ إِنَّ اللَّهَ لَقَوِيٌّ عَزِيز}

“Allah wird sicherlich dem beistehen, der Ihm besteht. Allah ist wahrlich stark und mächtig.” (22:40)

12. Muḥarram al-Ḥarām 1440 n. H.

22.09.2018 n. Chr.

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